Der allzu frühe Tod des Oberst Stöbrich
Ein ganz normaler Morgen
Der Tag nach dem fünfzigsten Geburtstag des Oberst Stöbrich begann für seine Frau wie jeder andere Tag auch. Sie stand auf, ging in die Küche und bereitete das Frühstück. Dann deckte sie im Esszimmer den Tisch und ging in den Salon, um ihren Mann zu wecken. Wie schon öfter, wenn der Oberst am Abend zu tief in die Flasche geschaut hatte und dann in seinem Lieblingssessel eingeschlafen war, hatte er auch nach seiner exzessiven Geburtstagsfeier den Salon nicht mehr verlassen, sondern saß zusammengesunken im Sessel. Nur mit dem einen Unterschied, dass er tot war.
Frau Stöbrich begab sich also wieder in das Esszimmer und beendete das Frühstück allein. Dann kleidete sie sich an, brachte die Küche in Ordnung und ging anschließend zum Telefon, um die Polizei zu benachrichtigen.
"Wann haben Sie den Verstorbenen das letzte Mal gesehen?" - Kriminaloberkommisar Johannes Jäger blickte Frau Stöbrich durch seine tiefschwarze Sonnenbrille an. Frau Stöbrich lachte: "Ach Hannes, das weißt du doch ganz genau. Ich bin um elf auf mein Zimmer gegangen, während ihr noch eifrig gefeiert habt!" Dem Kommisar war sichtlich nicht wohl in seiner Haut. "Nicht hier, Elsbeth", zischte er, und warf seinem Gehilfen einen unsicheren Blick zu. Dieser aber tat so, als hätte er nichts gehört. "Nun, auch wenn die Fragen seltsam klingen", fuhr Kriminaloberkommisar Jäger fort, "aber das gehört zur Vorschrift. Also weiter. Hatte er irgendwelche Feinde?" - Die Witwe lachte bitter auf, sagte aber nichts dazu. Der Kommisar senkte den Blick in seinen Notizblock und kritzelte eifrig irgendwelche seltsamen Zeichen hinein. "Gut", meinte er nach einer kurzen Pause. "Dann werden wir einmal die Verdächtigen befragen. Jetzt also mal ernsthaft, Elsbeth. Erstelle mir bitte eine Liste mit allen, die gestern abend hier waren" - er konnte sich nämlich an die meisten nicht mehr erinnern - "und überlege dir, ob irgendjemand darunter ist, der keinen Grund hatte, deinen Mann umzubringen."
Frühstück bei Major Bickler
Der erste Verdächtige auf der Liste war Major Bickler. Der Major hatte offensichtlich noch sehr mit den Folgen der vergangenen Nacht zu kämpfen, denn obwohl es bereits dem Mittag zu ging, hatte sich der Major eben erst an den Frühstückstisch gesetzt, löffelte ein weichgekochtes Ei und genoss eine Kanne heißen Tee.
Major Bickler schien vom Tod Stöbrichs kaum überrascht zu sein. "War ja früher oder später zu erwarten", meinte er nur. "Schon eine Ahnung, wer's getan hat?" Der Kommissar schüttelte den Kopf. "Wir haben eine Reihe Verdächtiger", meinte er. "Und ganz oben auf der Liste stehen auch sie, Herr Major." Bickler schlürfte ungerührt seinen Tee. "Zum einen habe ich ein gutes Alibi", meinte er. "Als ich das Haus verließ, waren noch mindestens zwanzig andere Gäste anwesend, und es fällt wohl schwer, einen Mann umzubringen, wenn Dutzende Personen zusehen. Und was sollte ich denn für ein Motiv haben?"
Die letzten Worte waren mit einer solchen Kaltblütigkeit ausgesprochen, dass dem Kommissar für einen Augenblick die Sprache wegblieb. "Das Motiv? Nun Sie wurden dabei gesehen, wie Sie gestern die Jackentaschen des angeblich schlafenden Oberst durchsucht haben. Wahrscheinlich war er zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Was haben Sie denn da gesucht?"
Major Bickler zuckte mit den Schultern. "Meine Streichhölzer waren alle, und da ich unseren werten Gastgeber nicht wecken wollte, der gerade zufällig neben mir saß..." - "So? Ich könnte mir auch vorstellen, dass Sie nach Schuldscheinen gesucht haben, Herr Major. Ich weiß, dass Sie in den letzten Tagen beim Pokern eine Menge an den Oberst verloren haben, und Stöbrich bewahrte die Schuldscheine immer in seiner Jacke auf. Zur Sicherheit. Als wir ihn heute morgen fanden, hatte er aber keinen einzigen Schuldschein bei sich."
"Tatsächlich? Keinen einzigen?" Major Bickler hob erstaunt eine Augenbraue. "Dann weiß ich gar nicht, warum Sie sich so aufregen, werter Herr Kommissar. Wenn ich mich recht entsinne, haben auch Sie einige Schulden bei unserem dahingeschiedenen Freund gemacht. Und wenn ich Sie nun bitten dürfte, zu gehen - ich würde nun doch ganz gerne zu Ende frühstücken, und zwar in Ruhe."
Morgenmantel für Hochwürden
Was sollte der Kommissar anders tun, als das Feld zu räumen? Er ging also weiter in seinen Suchbemühungen und suchte als nächstes den Herrn Pfarrer auf; er stand als Zweiter auf der Liste. Allerdings konnte ihn der Kommissar nicht besonders gut leiden, weshalb die beiden Herren am Vorabend auch kaum ein Wort gewechselt hatten. Er klingelte also, und er wartete, daß ihm geöffnet werde. Nichts tat sich. Er klingelte ein zweites Mal und da hörte er auch schon Fußstapfen heranschlurfen. Die Tür öffnete sich einen Spalt weit. Wer denn da draußen sei, fragte eine knurrige Stimme. "Kommissar Jäger, Kriminalpolizei. Öffnen Sie die Tür!" "Bitte warten Sie einen Augenblick. Ich hole nur eben meinen Morgenmantel." Die Schritte entfernten sich und nach kurzer Zeit hörte man den Herrn Pfarrer nahen und die Tür öffnete sich. "Bitte einzutreten. Entschuldigen Sie, Herr Kriminalkommissar, aber ich muss Sie in dieser Aufmachung empfangen. Sie wissen ja selbst, das Fest gestern abend. Man ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Treten Sie ein. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten? Was verschafft mir eigentlich die Ehre?" Ganz im Gegensatz zum Kommissar hegte der ehrenwerte Priester Geidobler keine Hassgefühle anderen Autoritäten gegenüber.
Das andere Geständnis
„Als Ehre würde ich das nicht deklamieren. Ich komme beruflich zu Ihnen. Würden Sie mir bitte ein paar Fragen beantworten.“ Der Kommissar betrachtete den Priester etwas geringschätzig, wie er so dastand in seinem Aufzug. Noch bevor dieser antworten konnte, hörte man von oben eine jugendliche Stimme rufen. „Paulischatz, wer war denn der Störenfried, der uns mitten in der Nacht beim Kuscheln stört?“ Etwas peinlich berührt führte Pater Geidobler den Kommissar und seinen Gehilfen in das vordere Besucherzimmer. Dort unterhielt man sich dann kurz und sachlich. „Herr Kommissar, mein Neffe ist zu Besuch. Da er unter Schlafstörungen leidet, lasse ich ihn ab und zu in mein Bett kommen. Doch ich verhalte mich sehr diskret.“ Er hüstelte betonend und wollte das Thema damit abgeschlossen sehen. „Nun zu Ihren Fragen, die ich gerne beantworten möchte.“ Der Kommissar konnte sich kaum seines angewiderten Gesichtsausdrucks erwehren. Trotzdem stellte er die unvermeidliche Frage. „Wo haben sie sich die letzte Nacht aufgehalten und gibt es dafür Zeugen?“ „Aber mein Lieber, wir besuchten doch gemeinsam die Party von Oberst Stöbrich. Warum, ist dem Oberst denn etwas passiert?“ Dem Kommissar gefiel die gekünstelte Miene nicht, die der Herr zur Schau trug. „Wie kommen Sie denn darauf, dass ausgerechnet dem Oberst etwas zugestoßen ist?“ Nun fühlte sich der Geistliche sichtlich unwohl in seiner Haut und er versuchte sich herauszureden. „Er hatte doch in letzter Zeit häufig Probleme mit dem Herzen.“ Diese schwache Aussage traf auf mindestens 70% aller Leute seines Alters zu. Nun eröffnete der Kommissar die Tatsache, dass der Herr Oberst zwischen Mitternacht und Morgengrauen einem Mord zum Opfer gefallen war. Wenig berührt schaute ihn der Pfarrer an. „Es gibt also doch noch eine Gerechtigkeit auf Erden.“ Verwundert über diese unverblümte Aussage fragte der Kommissar weiter: „Pater Geidobler, Sie stehen als zweiter Verdächtiger auf der Liste. Sagen Sie mir am besten selbst, warum Sie ein schlechtes Verhältnis zu dem Toten hatten.“ Der Priester hob an zum Sprechen, als die Tür geöffnet wurde und ein junger Mann den Raum betrat. „Das ist der Grund unserer Uneinigkeit, Herr Kommissar. Der Oberst hatte ein Auge auf meinen hübschen Liebhaber geworfen. Ab 2:45 befand ich mich bereits zu Hause in seinen Armen. “ Das genügte dem Kommissar. Er verabschiedete sich mit dem Zusatz, dass der Kleriker noch zur Abnahme der Fingerabdrücke auf dem Präsidium erscheinen müsse.
Der Amtsarzt wartet bereits
Noch ein Verhör wollte Oberkommissar Jäger heute durchführen, bevor er den Rest des Tages Protokolle schreiben und die Indizien auswerten wollte.
„Wer steht als nächster auf unserer Liste, Emerich?“ fragte er seinen Gehilfen Walter Emerich.
„Dr. Armin Herlinger, der Amtsarzt“ antwortete Emerich gleichmütig. Doch dem Oberkommissar war das äußerst unangenehm. Er war mit Dr. Herlinger befreundet und verbrachte mindestens einmal im Monat ein Wochenende mit ihm in seiner Jagdhütte. Bei einer Flasche Wein oder zwei gingen sie gerne des jeweils anderen Fälle durch, ohne die Schweigepflicht zu verletzen. Man tat dies, indem man einfach keine Namen nannte. Jedoch der Wein lockerte die Zunge bisweilen, dass manche Identität doch preisgegeben wurde. Doch die Pflicht rief.
Nach etwa 10-minütiger Fahrt erreichten sie das schöne Landhaus des Amtsarztes, das am Ortsrand gelegen war. Emerich stellte den Dienstwagen geräuschvoll vor dem gepflegten Garten ab, und noch ehe sie klingelten, wurde ihnen die Tür geöffnet.
„Guten Tag, Herr Dr. Herlinger. Als teilnehmender Gast an Oberst Stöbrichs Fest gestern Abend muss ich Ihnen ein paar Routinefragen stellen.“
„Keine Ursache, Jäger. Treten Sie bitte ein. Als Amtsarzt wäre ich für die Obduktion zuständig, wurde aber als gestriger Gast dieser Aufgabe enthoben. Es wundert mich, dass Sie den Fall übernehmen mussten, kommen Sie doch potentiell ebenfalls als Mörder in Frage.“ Dr. Herlinger zwinkerte Jäger zu, wurde aber gleich wieder ernst.
„Der eingetroffene Notarzt hat mich bereits über Stöbrichs Tod informiert.“
„Nun, dann kann ich ja gleich die üblichen Fragen stellen.“ Sichtlich erleichtert über Herlingers Kooperation fuhr er fort.
„Wann haben Sie gestern Nacht das Fest verlassen und haben Sie ein Alibi, davor als auch für die folgende Zeit?
„Gegen 0:30 hatte ich ein Streitgespräch mit Oberst Stöbrich. Etwa 20 Minuten später mischte sich der Apotheker Dr. Huber ein. Es wäre beinahe zu Handgreiflichkeiten gekommen. Ein weiterer Gast versuchte zu schlichten, worauf ich mich der Frau des Gastgebers zuwendete. Es muss etwa 1:15 gewesen sein, als ich der jungen Nichte, Frl. Beerbaum, anbot , sie nach Hause zu bringen. Die Einladung ihrerseits zu einem Kaffee schlug ich nicht aus, so dass ich erst gegen 3:00 in der Früh ihre Wohnung verließ. Alles Weitere kann Ihnen mein Hund berichten.“
„Was war der Grund ihres Streites mit dem Oberst?“ wollte der Ermittler nun wissen.
„Es ging um eine Grundsatzfrage. Er zweifelte die Genauigkeit des Nachweises einer Todesursache an. Im Gegensatz zu den Ballistikern, die exakt einen Schusswinkel als auch die Entfernung angeben können, laufe es im Bereich der Medizin immer auf Herzstillstand hinaus. Genauere Angaben seien reine Willkür“, führte Dr. Herlinger seine Antwort aus.
„Und wie sehen Sie diese Sache, Herr Dr.?“ hinterfragte der Freund nun weiter.
„Die Ursache ist tatsächlich oft Herzversagen, aber der Auslöser kann so vielfältig sein, wie die Sandkörner an einem Strand. Es gibt etliche Substanzen, die nach Stunden oder überhaupt nicht nachgewiesen werden können, aber typische Symptome erzeugen. Darüber kann Ihnen Dr. Huber ausführlich Auskunft geben, da es sein Spezialgebiet ist. Ihn fasziniert diese Materie bis zur Ekstase.“
Der Amtsarzt hatte neue Aspekte ins Spiel gebracht, die einer genaueren Untersuchung bedurften. Die beiden Polizeibeamten bedankten sich für die Auskunft und verließen das Haus, samt ihres revidierten Zeitplans.
Der Apotheker geht ans Eingemachte
Ein weiterer Besuch stand diesen Nachmittag an. Noch bevor sie die Apotheke erreichten gähnte Emerich so herzergreifend, dass er auch den Kommissar damit ansteckte.
„Lassen Sie das jetzt! Das stört mich beim Nachdenken,“ fuhr der Oberkommissar seinen Gehilfen an. Verlegen schaute dieser beiseite. Jäger klingelte selbst, erhielt aber keine Reaktion darauf. Da deutete Emerich auf das Fenster, dessen Gardine sich bewegte. Ertappt zog eine Frau sie gänzlich zu. Doch erst bei einem weiteren Klingeln öffnete die ältere Dame die Tür. Abweisend blieb sie im Türrahmen stehen. Erst nachdem ihr die beiden Ermittler ihre Dienstausweise vorzeigten und um Einlass baten, ließ sie die beiden Herren widerwillig ins Haus.
„Dürften wir bitte mit Herrn Dr. Manfred Huber sprechen?“ fragte der Chef der beiden die Frau.
„Er ist nicht zu Hause,“ gab die Frau in einem Ton vor, der erkennen ließ, dass sie log.
„Dann werden wir halt so lange warten, bis er wiederkommt.“ Galant schob der Oberkommissar die Hausherrin beiseite und verschaffte sich so Zutritt bis zum Eingang des Salons. Sein Auftreten gab unmissverständlich zu verstehen, dass er eine Aufforderung zum Platznehmen erwartete. Uncharmant hieß sie ihn daraufhin, sich einen Platz zu suchen. Den Gehilfen beachtete sie gar nicht. Dann verschwand sie nach oben.
Zehn Minuten später tauchte der Apotheker wie aus dem Nichts auf. Er trug einen zugeknöpften Labormantel, der einige dunkle Flecken aufwies.
„Was wollen Sie von mir und warum belästigen Sie meine Frau?“ fuhr er die beiden Kripobeamten an.
„Wir ermitteln in einem Mordfall und Sie stehen mit auf der Liste der Verdächtigen. Deshalb muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Sie hatten einen Streit mit Herrn Oberst Stöbrich.“
„Das ist wohl nicht zu leugen. Dieser alte Besserwisser glaubt nicht an die Möglichkeit eines perfekten Mordes. Andererseits zweifelt er die Nachweisfähigkeit an. Strategisch exakt, aber wissenschaftlich ein Dilletant, dieser Mann. Das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.“
„Wie kommen Sie darauf, dass das nicht mehr möglich ist? fragte der Polizist.
„Sein unflexibles Hirn lässt keine Meinungsänderung zu, wenn er sich selbst Hypothesen zusammen schustert.“ Plötzlich verengten sich die Pupillen des Apothekers misstrauisch.
„Ach, ist er etwa das Opfer und ich habe mich bereits verdächtig gemacht? So billig kommen Sie mir nicht davon. Es waren noch andere Herren vertreten.“
Dr.Huber dachte kurz nach bevor er weiter sprach. „Wahrscheinlich hat man Ihnen auch erzählt, dass ich mich intensiver mit dieser Materie beschäftige. Mein Steckenpferd sozusagen.“ Er lachte kurz auf bevor er den beiden Männern bedeutete ihm zu folgen.
„Ich werden Ihnen etwas zeige, das Sie speziell als Kriminalisten interessieren wird. In meinem kleinen Labor beschäftige ich mich mit Substanzen die zum Herzstillstand führen und deren Verifizierung.“
Kaum waren sie im Keller des angrenzenden Gebäudes angekommen, staunten beide nicht schlecht. Da gab es unzählige Reagenzgläser und Kolben. Die Mörser standen stapelweise herum. Spartel und Filter übersäten den ganzen Tisch und der beissende Geruch von Säuren lag in der Luft. In einem Regal standen fein beschriftet mehrere Gefäße, die etwas blutähnliches enthielten. Und der grosse Inkubationsschrank,als auch eine Sterilbox nahmen die Aufmerksamkeit der beiden nicht als letztes in Anspruch.
„Was wird denn hier gemixt?“meldete sich der Gehilfe schüchtern zu Wort.
Das, junger Mann, sind alles reine Stoffe und chemische Substanzen, die im Körper eines Menschen nicht nachgewiesen werden können, die jedoch massive Wirkungen bis hin zum Tode zeigen können.“
Die Augen des Apothekers leuchteten stolz bei der Präsentation seiner Errungenschaften. Er zog ein kleines Gläschen aus einem Kästchen, das mit zwei Klemmen in einer Styroporbox zur Sicherheit gefestigt war. Er öffnete es vorsichtig und zum Vorschein kam silbern glänzendes Quecksilber. Etwas dieses kugeligen Gebildes ließ er in ein Reagenzglas laufen. Dann gab er ein paar Tropfen Salzsäure dazu. Sofort begann das ganze zu schäumen. Als nächstes mischte er noch eine Pipettenspitze ätzend riechendes Ammoniak dazu, worauf sich ein schwarzer Niederschlag bildete. Zufrieden mit dem Ergebnis hielt er es den beiden aufmerksamen Beobachtern hin.
„Das nennt man eine Kalomelreaktion. Quecksilber ist ein giftiges Element, das zwar schwere Schädigungen des Nervensystems erzeugt, aber nicht tödlich wirkt. Gebe ich etwas hochgiftiges Antimon dazu, verhindert das Quecksilber die Nachweisreaktion dieses tödlich wirkenden Stoffes.“
Fasziniert schauten die beiden nun zu, wie er von diesem mörderischen Antimon dazugab. Zusammen mit etwas Schwefelwasserstoff, das entsetzlich nach faulen Eiern roch, wurde das ganze wieder zur Reaktion gebracht und beides fiel nun als grau-weisser Niederschlag aus. Man konnte keinen Unterschied feststellen.
„Wieso kann man es nicht isolieren und dann identifizieren?“ wollte Jäger wissen.
„Weil der menschliche Körper zuviel Spurenelemente enthät, die sich jeweils im Gleichgewicht beeinflussen. Eine exakt chemisch-analytische Methode wäre zur machbar, aber unbezahlbar, da sehr aufwendig.“ dozierte der Amateurchemiker weiter.
„Das widerspricht doch ihrer Theorie, dass die Todesursachen doch nachweisbar seien“, entgegnete der Kommissar.
„Nein, eben nicht. Es gibt andere Merkmale, die dieses Aussage ermöglichen. So lassen die meisten chemischen Elemente ganz typisch optische Merkmale zurück, an denen man ihr Mitwirken eindeutig erkennen kann.“ Dr. Huber war voll ins einem Element und freute sich, endlich interessierte Zuhörer gefunden zu haben.
„Geben Sie uns ein Beispiel.“ forderte der Ermittlungsleiter den Apotheker auf.
„Bei einer Antimonvergiftung, die den Tod zur Folge hat, kann man beim Opfer einen schwarze Zunge erkennen. Quecksilber hinterlässt dagegen Punkte auf den Fingerkuppen. Blau angelaufene Ohrläppchen zeigen Chlorvergiftungen an.“
Der Hausherr ließ das ganze mit einer Pause auf die beiden wirken, bevor er fragte, ob es noch ein weiteres Verhör gäbe.
„Vorerst haben wir genug erfahren. Danke für Ihre lehrreiche Unterweisung. Sie hören wieder von uns.“ Dann eilten beide Ermittler hinaus zum Wagen.
Ein Oberst auf Reisen
"Also gut", meinte Jäger zu Emerich, "dann werden wir einmal die Autopsie abwarten." - "Ich werde gleich einmal bei der Gerichtsmedizin vorbei gehen und fragen, wann sie soweit ist", bot sich Emerich an, doch der Kommissar lehnte ab: "Nein, das werde ich selbst tun. Sie können für heute Feierabend machen. Wir sehen uns dann morgen."
Als Jäger am nächsten Morgen sein Büro betrat, wartete Emerich schon aufgeregt auf ihn. "Herr Kommissar", sprudelte er los. "KRIMINALOBERkommissar, unterbrach ihn Jäger, "wie oft soll ich das noch sagen? Gibt es schon erste Ergebnisse von der Gerichtsmedizin? Die wollten heute mit der Autopsie beginnen." - "Darum geht es ja", rief sein Gehilfe. "Allen Anschein nach war es Herzversagen - und nun ist die Leiche verschwunden!"
"Was!?" Der Kommissar, eben dabei Platz zu nehmen, sprang wieder auf. "Wie soll denn eine Leiche so einfach aus der Gerichtsmedizin verschwinden!?" Dann sank er wieder zurück in seinen Stuhl.
"Unsere Männer besichtigen bereits das Gebäude. Wir sollten auch so schnell wie möglich aufbrechen." - "Wem sagst Du das", murmelte Jäger, der bereits wieder aufgesprungen und in seine Jacke geschlüpft war. Gemeinsam mit seinem Gehilfen verließ er das Polizeipräsidium.
Bei der Gerichtsmedizin gab es für die beiden im Augenblick nicht mehr viel zu tun. Stöbrich, der am Vorabend bereits für die Autopsie vorbereitet worden war, hatte sich über Nacht scheinbar in Luft aufgelöst. Die Polizisten entdeckten ein offenes Fenster im ersten Obergeschoß, über das ein nicht allzu unsportlicher Mensch ohne größere Schwierigkeiten das Gebäude betreten und wieder verlassen haben könnte. Der Hausmeister versicherte, dass alle weiteren Ausgänge am Morgen ordnungsgemäß verschlossen gewesen seien.
"Nun, Emerich, was halten Sie von der Angelegenheit?" Der Kommissar hörte gerne den Theorien seines Gehilfen zu. Auch wenn sich dieser häufig irrte, so traf er doch manchmal den Nagel auf den Kopf, und sonst half er Jäger zumindest beim Nachdenken.
"Ich würde sagen, das Opfer wurde tatsächlich vergiftet. Der Mörder erfuhr von der Nachweisbarkeit der Todesursache und beschloss, die Leiche des Opfers zu beseitigen. Dazu öffnete am Vorabend zum heutigen Tag am Tatort ein Fenster, stieg in der Nacht durch ebendieses Fenster ein und beförderte die Leiche des Opfers aus ebendiesem Fenster ins Freie. Jetzt kann er mit der Leiche praktisch überall sein."
"Sie meinen also, der Leichendieb schaffte es, Stöbrich völlig unbemerkt aus einem Fenster im ersten Stock zu befördern? Das scheint mir doch etwas unwahrscheinlich."
"Nun ja", räumte Emerich ein, "vielleicht hat er ja ein Fenster im Erdgeschoß geöffnet und die Leiche des Opfers hinausbefördert. Anschließend hat er dann das Fenster im Erdgeschoß geschlossen und ist im ersten Stock selbst ausgestiegen." Emerich war selbst nicht mehr so ganz von seiner Theorie überzeugt.
"Nein", rief Jäger, "das überzeugt mich nicht. Niemand kann mitten in der Stadt unbemerkt eine Leiche stehlen. Ich bin sicher, Stöbrich befindet sich noch irgendwo im Gebäude!"
Gift...fraglich
"Und mich überzeugt es nicht, dass auch nur etwas von dem Gebräu, das der Apotheker in seinem Labor zusammen mischt, dem Oberst unbemerkt verabreicht werden konnte.
Haben sie diesen infernalischen Gestank registriert?
Unmöglich, dass jemand diesen Sud - auch zehnfach verdünnt - jemals freiwillig geschluckt hätte.
Nicht einmal, wenn anlässlich der gestrigen Feier die Geschmacks-und Geruchsnerven durch übermäßigen Alkoholgenuss bereits völlig abgestumpft waren.
Wenn aber der Oberst nicht durch Gift ins Jenseits befördert wurde, dann gabs auch keine Befürchtungen, die optischen Zeichen einer toxischen Behandlung an der Leiche zu entdecken.
Wozu also dieses Risiko, bei der Beförderung - wohin auch immer - entdeckt zu werden?"
Rückwärts hat noch keiner ein Rennen gewonnen
Oberkommissar Jäger lehnte sich an die Wand, rieb sich das Kinn mit der rechten Hand und überlegte. Dabei ließ er den Blick durch den Raum schweifen, bis sich dieser am Boden festheftete. Was war denn das? Als erstes erkannte er zwei dicht beieinander verlaufende Fußspuren. Das eine Paar war groß und konnte etwa von einer Schuhgröße 46 stammen. Aber das Auffällige war, dass die andere Spur eindeutig von einem Kind stammen musste. Er schätzte den Schuhabdruck auf maximal 30. Sofort musste er das genauer untersuchen.
„Emerich, schauen Sie mal, was wir hier haben und besorgen Sie mir ein Maßband.“
Schnell eilte sein Assistent zu den uniformierten Polizisten und lieh sich das verlangte Utensil aus. Er kniete sich neben seinen Chef, um ihm behilflich zu sein.
Verdutzt betrachtete er die Spur und begann zu überlegen.
„Herr Oberkommissar, da stimmt doch etwas nicht. Irgend etwas kommt mit komisch vor, aber ich weiß nicht was.“
Fragend schaute er seinen Vorgesetzten an.
„Sehr gut, Emerich. Ihnen ist also auch aufgefallen, wie unlogisch diese Spur verläuft. Hier ist jemand plötzlich im Raum erschienen und hinterlässt Fußspuren. Allerdings muss derjenige vom Himmel gefallen sein, dass er auf einmal hier stand oder er ist rückwärts vom Fenster gekommen und wurde dann in die Luft gezogen. Außerdem verlaufen die Kinderspuren entgegengesetzt.“
Die Vermessung ergab tatsächlich eine Schuhgröße von 47 und ein weitere vermaß 29. Das war ja fast noch ein Kleinkind.
„Ich kenne kaum jemanden mit so großen Füßen. Da sollte der Täter doch leicht auszumachen sein“ fuhr Emerich fort und fand seine Bemerkung sehr lobenswert.
Tadelnd erntete er einem Blick von Jäger, der diese Tatsache eher als erschwerend betrachtete.
„Es ist vielleicht erst mal zu bedenken, warum jemand ein kleines Kind mit ins Gerichtsgebäude bringt, um dann eine Leiche zu stehlen. Jetzt haben wir zwar ein Indiz, aber der Fall zieht auch suspekte Elemente mit sich.“ Der Vorgesetzte stand auf und machte sich einige Notizen.
„Wäre es auch möglich, eine Abschiedsfeier vorbereiten zu wollen, an der auch Kinder teilnehmen und das hier war nur ein Test, wie Kinder reagieren?“ sprach Emerich seine Gedankengänge aus. Das waren die kuriosen Ideen, die den Oberkommissar oftmals selbst auf neue Perspektiven brachten.
„Emerich, ich glaube Sie haben sich mal wieder mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen, nachdem Sie den goldenen Nagel knapp verfehlt haben. Aus Ihnen wird sicher noch mal ein Kommissar, und wenn es nach 30 Jahre dauert.“ Er bedachte seinen Assistenten mit einem nicht unfreundlichen Lächeln.
„Jetzt wollen wir mal untersuchen, ob Oberst Stöbrich einen dunklen Fleck in seinem Leben hatte. Vielleicht existieren irgendwelche Frauen, mit denen er etwas hatte oder sogar uneheliche Kinder“ meinte Jäger schon dem Obduktionsraum zugewandt. Sein Gehilfe folgte ihm, nachdem er sich die Fußspuren in seinem Notizheft aufgezeichnet hatte.
„Die Leiche befand sich sicherlich noch über Tag im Gebäude und ist eventuell auch jetzt noch hier zu finden. Suchen Sie bitte alle Kisten und Schachtel, Container und Büromöbel, die zum Abtransport bereit stehen, genau durch. Einen Diebstahl durchs Fenster halte ich für ausgeschlossen. Auch Trockeneiskisten müssen genau kontrolliert werden.“ Mit befehlsgewohntem, aber höflichem Ton instruierte er die Anwesenden. Dann machte er sich mit Emerich zusammen auf den Weg zu einem bekannten Stadtredakteur.
Manfred Meyer wusste, wann wo welcher Floh hustete. Er kannte jedes Gerücht und jede Spekulation über die Persönlichkeiten der Stadt. Über ihn wollte sich Jäger ein paar Informationen holen, die eventuell zu einem Doppelleben des Oberst führten.
Ein neuer Verdächtiger?
Zunächst wollte der Kriminaloberkommisar jedoch erst einige Dinge für seinen Bericht festhalten. Als er soweit war, Herrn Meyer einen Besuch abzustatten, lief ihm Emerich freudestrahlend entgegen.
"Nun haben wir ihn!"
"So?", antwortete Jäger gelassen. Emerich wusste oft schon sehr früh, wer der geeignete Verdächtige war. Leider weigerte sich dieser Verdächtige dann oftmals, der Täter zu sein. "Und, wer ist es diesmal?"
Emerich ärgerte sich sichtlich über die mangelnde Begeisterung seines Chefs. Dennoch bemühte er sich, ruhig zu bleiben.
"Georg Stöbrich, der Bruder des Verstorbenen."
Kommisar Jäger blieb der Mund offen stehen. So eine verrückte Idee hatte Emerich ja noch nie gehabt. Dieser, erfreut über seine gelungene Überraschung, fuhr eifrig fort: "Ich habe mich daran erinnert, dass Herr Stöbrich - ich meine Georg Stöberich - vor einigen Jahren beim Stadtfest den ersten Preis für die größten Schuhe gewonnen hat. Ein Anruf beim hiesigen Schuhladen hat meine Vermutung bestätigt: Schuhgröße 47. Wie der Besitzer des Schuhgeschäftes mir versicherte, hat er zeitlebens an niemand anderen solch große Schuhe verkauft."
Jäger war immer noch sprachlos. Sein Gehilfe nutzte dies, um weiter aufzutrumpfen.
"Außerdem wissen Sie ja selbst, dass die beiden Brüder vor einiger Zeit verkracht auseinander gingen - wenn man das so nennen kann. Georg hat damals geschworen. den Oberst umzubringen."
"Richtig", fiel ihm der Kommisar ins Wort. "Verkracht auseinandergegangen. Georg Stöbrich hat bei seinem Bruder eine Menge Tafelsilber mitgehen lassen, worauf sein Bruder vor Gericht das höchste Strafmaß durchsetzte. Ihre Folgerungen sind klar und nachvollziehbar. Sie haben jedoch leider einen entscheidenden Haken."
Emerichs zufriedenes Lächeln wich aus dem Gesicht: "Tatsächlich?"
"Ja. Georg Stöbrich hat das perfekte Alibi. Er sitzt zur Zeit immer noch im Gefängnis. Außerdem haben Sie nicht bedacht, dass kleine Füße leichter in übergroße Schuhe passen als umgekehrt."
Als Jäger das nun furchtbar enttäuschte Gesicht seines Gehilfen sah, bekam er doch etwas Mitleid. "Wissen Sie was, Emerich, sie haben heute schon viel gearbeitet. Was halten Sie davon, wenn Sie sich für den Rest des Tages frei nehmen?"
Pikante Details würzen die Suppe
Kommissar Jäger betrat als erster das Café Libretto bevor Emerich mit lautem Gepolter die Tür hinter sich zuzog. Sein Chef verrollte darauf die Augen und sagte zu seinem Mitarbeiter:
„Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass man bei einem Zeugenverhör unauffällig vorgehen sollte.“
„Aber der Zeuge ist doch noch nicht anwesend“, meinete Emerich zu seiner Verteidigung.
„Vielleicht hat er sich jetzt bereits aus dem Staub gemacht,“brummte Jäger, der den Lernprozess seines Mitarbeiters als aussichtslos sah.
An der Theke erkundigte er sich nach Herrn Manfred Meyer. Die Bedienung verwies ihn nach rechts an den letzten Tisch, wo ein Mann sass, der die beiden schon eine geraume Zeit beobachtete.
Noch bevor die Polizisten sich vorgestellt hatten, erriet der etwas kahlköpfige Herr, wer die zwei waren.
„Kriminalpolizei. Sie ermitteln wegen Oberst Stöbrich. Stimmts?“
Verwundert darüber woher, der Mann seine Informationen hatte, beäugte der Kommissar ihn argwöhnisch.
„Das ist doch bis heute eine geheime Untersuchung geblieben. Oder haben sie, Emrich wieder geplaudert?“ Missbilligend drehte sich der ranghöhere Polizist zu seinem Assistenten.
„Na ja, die Susi bei uns im Haus ... .“ Verlegen errötete der Beamte.
Wieder zum Stadtredakteur gewandt, legte Emrich gleich los.
„Wissen Sie etwas über Herr Oberst Stöbrichs Privatleben, dass ein anderes Licht auf ihn wirft. Frauengeschichten, Casinobesuche, uneheliche Kinder oder dergleichen?“
„Nein mein lieber Jäger. Aber wussten Sie bereits, dass er Mitglied einer Loge war und gleichzeitig die Dianetiker unterstützete?“
Kommissar Jäger fielen fast die Augen aus dem Kopf, so hatte er sie vor Schreck aufgerissen. Nicht nur ein inhaftierter Bruder, sondern jetzt auch noch Freimaurer und Sekten.
„Wusste denn seine Frau davon? Sie kommt mir doch etwas bieder vor,“ fragte der Beamte weiter.
„Weder noch. Für die Freimaurer ist sie zu einfältig und als gute Katholiken hätte sie sich sicher eher scheiden lassen, als mit solch einem Mann weiter zusammen unter einem Dach zu leben. Ich weiss nur aus sicherer Quelle, dass sie sich ernsthafte Gedanken über den stets sinkenden Etat ihres Haushaltsgeldes gemacht hatte. Gedanken, die auch eine Verzweiflungstat nicht ausschliessen. Oder wollten Sie in verarmten Verhältnissen sterben? Sie hatte sogar einen Detektiv auf ihren Mann angesetzt, um herauszubekommen, ob er eine andere Frau hat.“
„Hat der Detektiv denn überhaupt was gefunden? Geld gibt es doch meistens nur für Informationen, und woher wissen Sie das alles?“ wandte Jäger ein.
„Ein paar V-Männer hat doch wohl jeder, und genauso wie Sie werde ich meine Quelle doch nicht aufdecken. Schliesslich soll sie ja nicht versiegen.“ Martin Meyer zwinkerte dem Kommissar verschwörerisch zu.
„Allerdings gab es noch ein paar delikate Geldtransaktionen, die bisher ungeklärt blieben. Mehr kann ich Ihnen leider auch nicht bieten.“ Herr Meyer nahm sein Buch zur Hand und las darin weiter, als sei er nie gestört worden. Für ihn war das Gespräch beendet.
Kommissar Jäger und sein Gehilfe verliessen darauf das Lokal mit dem selben Lärmpegel, mit dem sie es Betreten hatten. Jäger war das im Moment gleichgültig. In Gedanken verweilte er bereits im Casino. Die ihm bekannte Freimaurerloge wollte er danach aufsuchen. Die Kontrolle der Dianetikgruppe wollte er seinem Innendienstleiter überlassen. Er war sowieso gerade dabei neue Vorfälle bei dieser angeblichen Sekte zu bearbeiten. Anhand dessen Fakten wollte er darauf aufbauen und weitere Erkundigungen einziehen.
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Als angemeldetes Mitglied kannst Du die Geschichte fortsetzen und ihr eine ungeahnte Wendung geben...